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Eine Hommage an den König der Strassenzauberer
1981 oder 1982 habe ich ihn zum ersten Mal getroffen – in Amsterdam, wo ich als Strassenkünstler meine Kasse bei den ausländischen Touristen aufbessern wollte.
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Ich traf ihn an meinem zweiten Tag. Ich ging der Strasse entlang, als eine Menschenmenge meine Aufmerksamkeit erregte. Durch die Menge hörte ich einen amerikanische Akzent und konnte ein Seil erspähen, das in zwei Stück geschnitten wurde. Ich blieb für die Show stehen, war tief beeindruckt, fasste mir schliesslich ein Herz und wagte es den Künstler anzusprechen und ihm zu sagen, dass ich Zauberer sei. «Kannst du mir vielleicht ein Set Becher und Bälle leihen? Mir wurde das Auto aufgebrochen und die Requisiten gestohlen. Oh, diese Menschen – sie glauben, es sei alles wirklich, sie müssten dir die Sachen wegnehmen und hätten dann deine Kraft.
Ich lief zu meiner Herberge zurück, packte meine Becher und Bälle und übergab sie Cellini. Das war der Beginn einer langjährigen Freundschaft, und obwohl ich ihn nur wenige Male (in London Amsterdam, Edinburgh) traf, sind meine Bewunderung und mein Respekt für ihn sehr gross. Am meisten beeindruckt hat mich eine Show an der George Street in Edinburgh, wo er satte hundert Pfund garnierte – in Anbetracht der sprichwörtlichen schottischen Knausrigkeit fast eine Wunderleistung
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Cellini ist ein Entertainer, ein Künstler und ein ausgesprochen beeindruckender Mensch. Wenn er nich gerade arbeitet, ist er eine freundliche, gelassene und gewitzte Person mit einer gesunden Mischung aus Zynismus und Humor. Bei der Arbeit wirkt er wie ein leuchtender Stern. Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie gehen die Strasse runter, und eine freundliche Stimme mit amerikanischem Einschlag lädt Sie ein, kurz anzuhalten und sich «das hier» anzusehen. Sie trauen Ihren Augen nicht: Ein Zauberstab in voller Grösse verschwindet. Fast gleichzeitig zieht er eine kleine Tasche hervor und entnimmt ihr denselben Zauberstab. Wie angewurzelt bleiben Sie stehen und beobachten, wie Zigaretten plötzlich erscheinen und wieder verschwinden…, dann Münzen…, und allmählich bildet sich eine aufmerksame Menge, um dem Künstler zuzuschauen. Er nimmt ein Seil, schneidet es einige Male entzwei… Sie realisieren, dass dieser Mann, der sich wie ein Zigeuner anzieht, aus einer anderen Zeit und Dimension zu stammen scheint und dass er etwas ganz Besonderes sein muss. Sein Lächeln lässt auch den stärksten Mann erweichen. Bereits hat er Sie vom Erwachsenendasein ins begeisterte, kindliche Gemüt verzaubert (sein wohl bester Trick) Sie lachen und applaudieren zusammen mit allen anderen Anwesenden dabei, wie er Ringe ineinander fliessen und wieder auseinanderfallen lässt, wie er bestimmte Karten findet. Schon in der Hälfte seine Darbietung sind Sie davon überzeugt, soeben (und ich meine das ganz im Ernst) Zeuge des grössten Zauberers gewesen zu sein, der zudem eine Zeitreise an diesen Ort gemacht hat, und dass Sie geehrt und glücklich sind, Zeuge dieser Vorstellung sein zu dürfen. Dadurch eben zeichnet sich ein wahrer Künstler aus – dass ich als Zuschauer froh bin, dabeisein zu können
Scheinbar aus dem Nichts hat Cellini drei Äpfel unter die Becher gezaubert und präsentiert sie. Dann tippt er an seinen Hutrand und lässt eine Melonedaraus erscheinen. Die Zuschauer sind begeistert und applaudieren. Cellini dankt dem aufmerksamen Publikum, doch haben alle – wirklich alle – schon ihr Kleingeld bereit und wollen sich ihrerseits grosszügig für die Show bedanken. So schnell die Menge sich geformt hat, so schnell löst sie sich wieder auf. Alle Zuschauer fühlen sich beim Weggehen besser als noch 15 Minuten zuvor. Cellini steckt das Geld weg und raucht die Zigarette zu Ende, die er vor der Show angezündet hatte. Ich kann keine Schweissperlen in seinem Gesicht entdecken. Zehn Minuten später ist er für seine nächste Show wieder bereit
Zweifellos wird die Leserin, wird der Leser nun denken: Seil? Münzen? Becher und Bälle? Was soll daran denn so speziell sein? Wie kann er damit schon besonders auffallen
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Selbstverständlich trifft einmal mehr die Weisheit zu, dass nicht das Was, sondern das Wie entscheidend ist. Die Voraussetzung dafür schafft er sich erst einmal, indem er gute, solide Tricks auswählt und sie perfekt vorführt. Doch seine wahre Kunst wird in der souveränen Performance sichtbar. So wie es bei eine Trick von Roy Walton keine überflüssige Bewegungen gibt, oder keine Note zuviel in einer Komposition von John Barry, sowenig wie ein guter Spielfilm Füllmaterial braucht, sowenig gibt es bei einer Cellini-Show überflüssige Elemente. Alles an seiner Performance erfüllt einen bestimmten Zweck, von der Kleidung bis zu seinen Kommentaren.
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Jim Cellini hat Charisma und weiss die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er schaut tatsächlich aus, als käme er eben aus einer anderen Zeitepoche. Seine Eröffnungsnummer, der verschwundene Zauberstab, dauert kaum eine halbe Sekunde und erfordert bloss einen kurzen Moment der Aufmerksamkeit – und wie kann man da weggehen, wo eben ein Ding vor den Augen der Anwesenden verschwindet Ganz gleich, in welcher Stimmung Cellini sich gerade befindet, er zieht immer sein breites, charmantes und unwiderstehliches Lächeln auf. Andere Strassenkünstler schreien oder rufen, und sie ziehen damit vielleicht eine grössere Menschenmenge an, doch wenn am Schluss der Hut die Runde macht, dann schleichen sich viele davon. Schreie und Rufe schaden der Stimme des Künstlers, und oft schreitet die Polizei ein, wenn die Zuschauermenge zu gross wird
Cellini zieht eine bescheidene Publikumsgrösse an. Er tritt auf, und er spricht dabei. Er schwitzt nicht er arbeitet zehn bis zwölf Minuten und verdient dabei ganz gut. Er leistet sechs Shows in einer Zeit, in der andere Zauberer bloss deren zwei schaffen. Alle können die Show aus nächster Nähe mitverfolgen und alle lieben es. Keine heisere Stimme, keine Probleme mit den Ordnungshütern. Cellini umgeht das Profilierungsproblem, das so viele durchschnittliche Strassenkünstler haben, indem seine Zaubershow gerade richtig dosiert und mit einem klaren, starken Höhepunkt aufhört. Wenn der Hut auf dem Tisch liegt, dann haben Sie bereits daran gedacht, Geld hineinzulegen – bevor Cellini danach fragt
Cellinis Präsentation ist kurz und bündig, voller Charme und rundum abgeschlossen. Nichts ist überflüssig, jede Bewegung sitzt. Er bewegt sich vor- und rückwärts. Leider reichen meine Worte nicht aus, das immer wiederkehrende Phänomen des leuchtenden Sterns zu beschreiben
Er ist ein ganz besonderer Mensch. Wie viele tausend andere, die einmal sein Publikum waren schätze ich mich geehrt und glücklich, ihn miterlebt zu haben, und es ist mir eine noch grössere Ehre ihn als Freund bezeichnen zu dürfen.
aus The Royal Touch